Besuch an Bord

Besuch an Bord

21. April 2020 0 Von claudia und jürgen

In diesem Bericht geht es ausdrücklich um unbezahlten und gerne gesehenen Besuch an Bord durch Freunde und Familie und nicht um Chartergäste oder „bezahlende Freunde“.

An Bord herrscht fröhliche Ausgelassenheit. Alles wird geschrubbt und geputzt, ein Hafen wir angesteuert. Denn bald ist es so weit und Yacht und Crew will sich im besten Licht präsentieren. Es gibt tausend Dinge, die erzählt werden wollen und die Neugierde, welche Neuigkeiten von Zuhause mitgebracht werden, ist groß. Denn morgen ist es so weit und ein großer metallener Vogel wird unsere Freunde zu uns bringen. Denn ab morgen ist unser kleines Zuhause nicht nur Ausdruck unseres Lebensstiels und mobiler Untersatz, nein, ab morgen ist unser Schifferl auch Urlaubsdestination, Kurzzeitabenteuer und Ferienwohnung.

Um den Freunden aber auch die Möglichkeit zu geben, einen herrlichen Urlaub an Bord zu erleben und Spaß am Segeln und an der fremden Umgebung zu finden ohne dabei Ausnahmezustand an Bord ausrufen zu müssen und an die Grenzen seiner Selbst zu gelangen, gibt es einige Überlegungen und Regeln, die vor dem geplanten Urlaub gemacht werden sollten.

Gemeinsam Segeln

Aufbruch zum Gemeinsamen Urlaub mit Freunden an Bord

Flexible Termine

Eine Grundregel an Bord sollte sein, dass Freunde keine Ort- und Zeit-Termine setzen können. Die Yacht muss zuerst in der Urlaubsgegend sein und erst dann können kurzfristig Flugtickets gebucht werden. Wir haben gelernt, dass auch billige Flugtickets oder die Planungswut unserer Freunde uns nie mehr dazu bewegen kann, auf eine Verabredung an einer fernen Küste einzugehen, denn Blauwassersegeln funktioniert ganz einfach nicht immer nach Termin. Dennoch dürfen die eigenen Termine nicht allzu sehr in den Hintergrund rücken, denn versäumt man den Absprung für eine weitere Etappe, kann es schon mal vorkommen, dass ein halbes oder ganzes Jahr auf die richtige Saison abgewartet werden muss.

Ein kleines Beispiel:
Irish Mist liegt an Panamas Westküste und wir freuen uns riesig, als uns die Nachricht erreich, dass meine Eltern an Bord kommen möchten. Kleiner Haken: wir treffen sie in 5 Monaten in Miami, Florida, wo wir sie vom Flughafen abholen werden. Klar, 5 Monate sind lang und keiner von uns kommt auf die Idee, dass wir in Bedrängnis kommen sollten. Die Hurrikansaison dauert nur noch 4 Monate und wir werden ohnehin zum geplanten Zeitpunkt in Florida sein. Wir haben 4 Monate für den Transit durch den Kanal und 1 Monat Zeit, die paar Tausend Seemeilen zu segeln und pünktlich und ausgeschlafen am Flughafen zu stehen. Blöd nur, dass sich das Wetter nicht an unsere Terminplanung hält. Nach wetterbedingt verspätetem Aufbruch hält sich Hurrikan Lenny nicht an die Hurrikansaison und jagt uns über die Karibische See, zerfetzt unsere Segel und lässt und mit Bruch und Zeitdruck drei Wochen lang kämpfen. Wir haben keine Möglichkeit, meine Eltern über eine mögliche Verspätung unsererseits zu informieren und preschen weiter. Mit schwer lädierter Yacht und körperlich ausgemergelt erreichen wir Miami – einen einzigen Tag vor Ankunft unseres Besuchs. Der geplante Segelurlaub fällt ins Wasser, Irish Mist braucht Reparaturen. Meine Eltern sind schockiert über unser Äußeres, wir wirken k.o. und verwahrlost, und das, obwohl ich eigentlich mehr als froh bin, wenigstens rechtzeitig in Miami angekommen zu sein und die beiden nicht im Ungewissen gelassen zu haben. Nein, so hat sich das keiner von uns vorgestellt!

Destination mit Besuch

Kommen Freunde zu Besuch, ist es wichtig, das gewählte Revier nach den Erwartungen des Besuchs auszuwählen.

Die Destination

Auch die zweite Überlegung an Bord sollte sich um das gewünschte Urlaubsgebiet drehen. Denn Menschen sind verschieden und ihre Erwartungen an einen schönen Urlaub an Bord sind hoch. Es macht riesige Unterschiede, ob erfahrene Segler sich für Besuch anmelden, Freunde, die das Abenteuer suchen oder Freunde, die ihre bisherigen Urlaubserfahrungen im Pauschaltourismus gesammelt haben. Welcher Anspruch wird an die bevorstehenden Wochen an Bord gestellt? Welche Reisen sind bisher gemacht worden? Kommen die Freunde, um möglichst viel zu segeln, oder, um uns zu treffen, ein Land zu erleben, oder sind sie neugierig auf unseren Lebensstiel.

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Kommen Nichtsegler, liegt es nahe, sich ein Gebiet auszusuchen, welches einfache und kurze Segeltouren ermöglicht. Ein Gebiet, mit unzähligen Ankerbuchten, moderaten Wellen und gemäßigten Wetterbedingungen. Die dänische Südsee, der Golf von Kalifornien, die griechischen Mittelmeerinseln, die schwedischen Schären oder die unzähligen Inseln der Kuna Indianer zum Beispiel (alle Gebiete zur richtigen Jahreszeit, vorausgesetzt). Was natürlich nicht heißen soll, dass diese Gebiete nicht auch für ambitionierte Segler mehr als geeignet sind.

Sucht der Besuch die Natur und Einsamkeit oder eher touristisches Treiben oder kulturelle Begegnungen? Kuna Indianer oder Stockholmer Cityflair? Kaffeehäuser und Abendlokale oder Sonnenuntergänge und unbewohnte Natur? Was einem Blauwassersegler selbst beeindruckt muss nicht unbedingt für seine Gäste zählen.

Auch interessant ist die Frage, ob der jeweilige Besucher den Umgang mit fremden Kulturen gewöhnt ist oder ob er Probleme haben wird, sich frei in ungewohnter Umgebung zu bewegen. Fällt es den Urlaubern schwer, sich im lateinamerikanischen Treiben oder zwischen pazifischen Südseehütten selbständig zu bewegen, kann die fortwährende Führung durch die Segelcrew sehr anstrengend werden, fehlende Privatsphäre an Bord kann nicht einmal mehr an Land ausgeglichen werden. Segel entlang Mallorca kann schnell ein beeindruckenderer Urlaub sein als Segeln zwischen Südseeinseln.

Ist nun Destination und Datum fixiert, kommen wir zu den Themen an Bord.

Fischen

Kostenaufteilung

Auch wenn es um Freunde und Familie geht, sollte das Thema Geld vorab besprochen werden. Es ist nun mal Tatsache an Bord vieler Fahrtenyachten, dass das Budget eng berechnet ist und unbedachte Ausgaben die Segelzeit verkürzen können. Unser erster Versuch an Bord, einfach vorweg auszumachen, alle Ausgaben werden geteilt, stellte sich schnell als – salopp ausgedrückt – „Knieschuss“ heraus. Die Bordkosten für die Urlaubswochen von Freunden schnellten plötzlich ins astronomische. Ständige Hafenkosten, da das Leben am Ankerplatz missfiel, unnötige Einkäufe oder ungeahnte Kosten wie zum Beispiel für Ausflüge und Mietautos hatten wir uns im Traum nicht vorgestellt. Dazu kommen die erhöhten Ausgaben an Land, da man sich ja im Urlaub mal was leisten will und anstelle von Bordküche leckere Restaurants besucht und Abends dringend Ablenkung in der nächsten Bar sucht. Klar müssen da die Blauwassersegler auch mit!

Selbst der Versuch, gemeinsam Einkaufen zu gehen und die Kosten aufzuteilen, kann ungeahnte Schwierigkeiten bringen und schon wurde ich zum bösen Sparefroh, indem ich die vielen Produkte, die im Einkaufswagen landeten kurzerhand wieder zurück in die Regale räumte. Lebensmittel, die keinen Tag ohne Kühlung überstehen würden, Junkfood und teure Getränke häuften sich im Einkaufswagen. Aus Fehlern gelernt, gibt es seither bei uns an Bord keine klassische Bordkasse, aus der alle Ausgaben geteilt werden. Nein, klar und vorab besprochen haben wir eingeführt, dass wir im vorab die Einkäufe erledigen und die Rechnungen aufheben, die dann geteilt werden. Werden einzelne Lebensmittel während des Urlaubes nicht aufgebraucht, ist es noch nie zu Streitigkeiten gekommen, immerhin werden ja auch viele, bereits vorher an Bord gewesene Lebensmittel verwendet.

Hafengebühren, Mietautokosten oder ähnliche Ausgabe tragen alleinig die Besucher, es sei denn, die Entscheidung dazu liegt bei uns. Dem Besuch wird bereits vor dem Urlaub erklärt, dass wir uns keine ständigen Restaurant- oder Barbesuche leisten können und wollen, weshalb niemand böse sein braucht, wenn man den einen oder anderen Abend nicht mitzieht.

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Diese Themen besprochen, steht einem herrlichen Urlaub schon nicht mehr viel im Weg.

Proviantkauf

Immer vorab klar besprechen, wie die Kosten geteilt werden sollten!

Das Gepäck

Nun wird es Zeit, sich übers Gepäck zu unterhalten. Wir mussten feststellen, dass die meisten Menschen viel zu viel Dinge für ihren Urlaub einpacken, nur selten werden alle Kleidungsstücke und alle mitgeschleppten Utensilien gebraucht, doch der Platz an Bord ist eng. Deshalb gilt bei uns an Bord: nur eine Sporttasche (kein Koffer) pro Person.

Mit in die Tasche gehören: Turnschuhe, bequeme Jogginghose, je nach Gebiet die richtige Kleidung (Badesachen oder Thermounterwäsche), Sonnenschutz, Tabletten gegen Seekrankheit (gilt auch für Leute, die „garantiert“ nicht Seekrank werden), Moskitoschutz (je nach Gebiet), Lesestoff oder Spiele, bei Kinder passende Rettungswesten.

Nicht mit in die Sporttasche gehören: Laptops oder andere elektronische Spielsachen, Stöckelschuhe, Schminksachen, elektrische Rasierapparate oder elektrische Zahnbürsten, Enthaarungsmittel oder Haarfärbemittel, Drogen jeglicher Art, mit Ausnahme natürlich lebensnotwendiger Medikamente.

Besuch

Es braucht nicht viel Gepäck, um einen schönen gemeinsamen Urlaub zu haben!

Die Reiseführung

Wir geben obendrein noch den Tipp, dass sich die Urlauber schon zuhause ein wenig mit dem Urlaubsgebiet auseinandersetzen, eventuell Reiseführer ansehen und gewünschte Sehenswürdigkeiten ins Auge fassen sollten, denn es ist schwerer als geahnt, über Wochen den Reiseführer spielen zu müssen. Wir verbringen meistens den ersten gemeinsamen Abend auch damit, gemeinsam zu besprechen, welche Erwartungen vom Urlaub und Urlaubsziel gemacht wurden. Was wollen unsere Freunde unbedingt vom Land erleben, was gibt es zu entdecken. So können wir die Reise gemeinsam planen, da es uns nicht liegt, als Reiseführer durch die Gegend zu laufen. Karten- oder Würfelspiele bringen fast immer eine willkommene Abendbeschäftigung.

Ausflüge

Gemeinsame Ausflüge machen Spaß und bringen Abwechslung

Privatsphäre

Auch sollte klar abgesprochen werden, dass es nicht böse gemeint ist, wenn einmal der Abendspatziergang alleine gemacht wird oder Probleme an Bord angesprochen werden. Eigenheiten des Einzelnen sollten gleich zu Urlaubsbeginn offengelegt werden, nur so können sich von allen an Bord beachtet werden. Denn der Platz an Bord ist klein un niemand will siech gegenseitig auf die Zehen treten!

Ist der Besuch erst einmal eingetroffen, gilt es noch, alle mit dem Dingi vertraut zu machen, die bordspezifischen Eigenheiten zu erklären und die Freunde einen Tag Eingewöhnung zu gönnen. Schon stellt sich einen gelungenen Urlaub unter Freunden nichts mehr in den Weg.

schöner Segelurlaub

Einem schönen Segeluralub zu viert steht nichts im Weg!

Ein Boot als Zuhause

Ein Boot als Zuhause

Im Vergleich zu einem Haus, ja, selbst verglichen mit einer kleinen Wohnung ist ein Segelboot ein winziger Lebensraum: Eine minimale Küche, die Pantry heißt, kein großes, freistehendes Bett, sondern eine Koje, anstelle eines Schreibtisches gibts die Navigationsecke und der Salontisch muss sowohl als Esszimmer als auch als Wohnzimmer herhalten. Und dennoch, so klein und besonders der Lebensraum und die Lebensumstände an Bord einer Blauwasseryacht sind, so schön kann das Leben auf einen Boot sein, wenn erst einmal ein persönliches zuhause aus dem Boot gemacht wurde. Und das ist in vielen Fällen etwas, wofür gerade Frauen ein Händchen haben.

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