Aufbrechen – aber wie?

Aufbrechen – aber wie?

14. April 2020 0 Von claudia und jürgen

Hallo ihr beiden,

Ich habe schon oft auf meinem Arbeitsweg eure Homepage angeschaut und auch das Buch das man als PDF runterladen kann habe ich so zusagen verschlungen.

Ich schreibe euch weil ihr uns vielleicht ein par gute Tipps geben könnt.

Wir, dass sind (…) Wir sind 28 und 34 Jahre alt. Vor ein paar Jahren packte uns das Segelfieber wir machten den Binnenschein und Hochseeschein um zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Immer mehr ist der Traum gereift selbst ein Boot zu kaufen und mit unserem Zuhause um die Welt zu segeln. Es soll keine Flucht aus dem System sein, aber wir beide fühlen uns immer mehr verloren in der Welt und Umgebung in der wir jetzt leben. Alle die Mechanismen die unser System am Laufen halten und die vielen Schäfchen die einfach mitlaufen ohne links oder rechts zu schauen. 

Immer schneller und schneller so dass man nicht mal Zeit findet um ein paar Stunden einfach nur zu sein.

Viele Probleme die wir nicht verstehen weil wir viele Dinge anders sehen oder erleben. Der Materialismus und das endlose Streben nach Macht und Reichtum. Wir möchten unser Leben nicht so zu Ende leben wie wir es bis jetzt getan haben. Darum dieses Ziel vor unseren Augen.

Jetzt sind wir an dem Punkt angekommen an dem wir regelrecht das Reissen haben endlich unseren Traum in die Tat umzusetzten.

Momentan ist das aber so als ob man einen riesigen Berg vor sich hat und keinen Plan hat wie mann da den nur hochkommen soll.

Ich weiss am besten fängt man mit kleinen Schritten an. 🙂

Und jetzt frag ich mich ob ihr uns vielleicht ein paar gute Tipps auf den Weg geben könnt. 

Ich würde mich sehr über eine Antwort von euch freuen.

Ich wünsche euch stets das Glück auf eurer Seite und immer eine Hand voll Wasser unter dem Kiel.

Liebe Grüsse.

Anders Leben, die Welt entdecken, aufbrechen. Wir leben in einer Zeit, in der es möglich ist, unseren Lebensweg selbst zu bestimmen und unsere Träume in die Realität umzusetzen. Aber wie lassen sich Träume eigentlich einfangen?

Weltumsegeln

Seit vielen Jahren gehen Jürgen und ich einen Lebensweg, der alles andere als normal ist und dennoch für uns zur Normalität geworden ist. Und wir sind nicht alleine. In allen Weltmeeren, entlang aller Küsten und in aller Länder treffen wir Menschen, die ihr selbstbestimmtes, freies Leben führen, egal, ob sie sich auf Reise befinden oder ob sie in ihrem Geburtsland oder  anderswo Wurzeln geschlagen haben, und dabei mehr oder weniger glücklich sind.

Träume sind so individuell wie Persönlichkeiten und so gibt es kein Rezept, keine Anleitung, wie sie in die Realität umgesetzt werden können. Und dennoch träumen einige Menschen den selben Traum. Den Traum, die Welt zu entdecken und auf einem Segelboot weite Reisen in die Welt und zu sich selbst zu unternehmen. Und da wir den Traum von wenigen dieser Individualisten leben, kann ich ein bisschen erzählen, wie es dazu gekommen ist und was für uns dazu nötig war, diesen Lebensweg zu gehen.

Informationen sammeln, zuhören und abwiegen

Wir leben in einem Zeitalter der Information. Das ist einerseits sehr gut, denn aus Information kann man viel Lernen und sich eigene negative Erfahrungen ersparen. Als Jürgen und ich zu segeln begannen, waren wir hundertprozentige Quereinsteiger. Eine Schul-Sportwoche auf einem österreichischen See und etwas Windsurfen waren zusammengenommen die Erfahrungen, auf die wir zurückblicken konnten. Wir wussten, wir haben viel zu lernen und begannen, uns über Bücher zu informieren. Dabei haben wir viel gelernt. Wir lernten über Bootsdesigns und Ausrüstung, über einfache Lebensweisen an Bord und über Reviere. Wir lernten über Wetter und Strömungen, Bootsführung und Leben an Bord. 

Andererseits ist unser Informationszeitalter geprägt von Werbung. Hinter vielen Informationen stehen wirtschaftliche Interessen. Vor allem Messen, Magazine und manche Bücher folgen dem alleinigen Zweck, Umsatz zu machen und Werbung zu verbreiten. Selbst vermeintlich „objektive“ Informationsquellen (Blauwassersegler) können sehr subjektive Meinungen vertreten. Das hängt nicht nur mit Sponsoring zusammen, sondern vor allem damit, dass Segler verschiedene Bedürfnisse, verschiedene finanzielle Hintergründe und manchmal starre Anschauungen haben. Wir lernten, dass die meisten Segler von ihren Booten, ihrer Ausrüstung und ihren Entscheidungen zu hundert Prozent überzeugt scheinen. Das ist verständlich, vertraut doch jeder Blauwassersegler sein Leben in sein Schifferl und hat doch jeder sein hart verdientes Geld nach bestem Gewissen in seine Ausrüstung gesteckt. Vergessen sollte man bei Erfahrungsberichten daher nicht, das viele Segler kaum Erfahrungen abseits der eigenen Yacht und Ausrüstung haben. Das gesegelte Seemeilen noch lange nicht Beleg für reiches Wissen darstellt und dass eigene Fehlentscheidungen nur selten gerne zugegeben werden. Blauwassersegler, die ihre eigene Materialwahl oder Herangehensweise als das Non plus Ultra für jeden zukünftigen Fahrtensegler sehen, sind mit Vorsicht zu genießen!

Deshalb: Lesen und Informationen sammeln, aber nicht vergessen, dass die Erfahrungen anderer immer nur eine der vielen Möglichkeiten darstellen. Blauwasser-Seminare, Bücher und Kurse bieten Anregungen und keine Gebote!

im südlichsten Yachtclub der Welt

Zeit nehmen, Zeit lassen

Es benötigt Zeit, die Langsamkeit zu verstehen. Das klingt jetzt fast ein wenig philosophisch, ist aber ein Grundsatz, über den sich niemand hinwegheben kann. Steckt man in der Arbeitswelt der Industrieländer, ist es einem praktisch unmöglich, sich ein langsames Leben im richtigen Verhältnis vor zu stellen. Alle Pläne, Vorstellungen und Zeiteinteilungen stimmen mit dem langsamen Leben an Bord nicht überein. Was für einen Menschen im Berufsleben für eine lange Zeit klingt, verfliegt an Bord fast unbemerkt. Ein Jahr, oder gar einige Jahre abseits des Berufsalltags klingen unglaublich lange, solange man im Beruf steckt. Aber in drei Jahren um die Welt zu segeln wird zum ungemeinen  Stress, wenn man erst einmal an Bord lebt. Doch selbst gemachter Stress ist an Bord genauso ungesund wie in der Berufswelt und kann alles verderben. Erst wenn man sich selbst über seine Zeitvorstellungen und Pläne gehoben hat, wird man das Leben unter Segel verstehen lernen und den Genuss der Langsamkeit verspüren. Erst wenn man sein eigenes Tempo gefunden hat, kann man seine Reise so planen, wie sie auch funktionieren kann.

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Diese Gedanken beinhaltet in Wirklichkeit zwei Ratschläge: einerseits ist es wichtig, die ersten Monate nach dem Aufbruch durch zu halten und nicht an selbst auferlegten Stress zu verzagen. Der legt sich irgendwann ganz von selbst. Andererseits ist es oft ein Fehler, die Reiseroute aufs genaueste zu planen, denn die Wahrheit über die Reisegeschwindigkeit wird sich erst nach dem ersten halben Jahr unterwegs zeigen.

Ankern im Riff

Fordern und nicht überfordern

Sich vom Alltag zu verabschieden und neues zu erleben fordert. Träume zu verwirklichen heißt zu Arbeiten und viele Umstellungen zu wagen. Aber es heißt auch, dass man sich genug Platz lassen muss, um heraus zu finden, ob die Träume überhaupt die Erwartungen erfüllen können. Gerade mit der Weltumsegelung ist das so eine Sache. Die ungemütliche Wahrheit ist manchmal, dass eine Weltumsegelung nicht wirklich so ist, wie man sie sich erträumt hat und dass der Plan „Weltumsegelung“ einen Druck machen kann, der die ganze Reise kaputt macht. Deshalb die Traumzeit anderer nicht mit den eigenen Träumen verwechseln! Man fordert sich auch genug, wenn man kleine Schritte geht. Warum nicht erst einmal anfangen und kleinere Etappen planen und mit einem Segelboot ein paar Monate die Ostsee oder das Mittelmeer bereisen. Das muss auch garnicht die endgültige Blauwasseryacht sein. Und wenn doch, dann muss die Yacht noch nicht mit allem nötigen und unnötigem ausgerüstet sein. 

Es ist besser, die Reise auf Etappen zu brechen. Es geht nicht darum, etwas zu beweisen, irgendwo anzukommen oder den Kreis zu schließen. Auch eine kleinere Reise in einem Revier fordert heraus und jeder Segler genießt die Freiheit, neue Pläne unterwegs schmieden zu können anstelle wegen konstante Überforderung zu frustrieren. So sammelt man Erfahrungen und kann das Boot, die Ausrüstung und die eigenen Träume stets neu justieren. 

tauchen in Tonga

Dem Partner Platz lassen

Es gibt nichts schöneres, als gemeinsam unterwegs zu sein. Und es gibt nichts frustrierenderes, wenn ein Segler mit seinen eigenen Fehlern seine Segelpartner stresst oder Fähigkeiten verlangt, die erst erlernt werden müssen. Das Schlimmste aber ist, wenn sich aus der Gemeinsamkeit an Bord hierarchische Strukturen entwickeln. Will man als Crew an Bord funktionieren, ist es wichtig, dass beide Partner arbeiten. Keiner kann sich zurücklegen mit dem Gedanken „Das war sein/ihr Traum, sie/er ist der Skipper, ich weiß ja nicht, wie das geht“. Jeder an Bord ist gleichermaßen gefordert, sich einzubringen. Und niemanden soll es erlaubt sein, sich über den Partner zu heben. Nur wenn die Verantwortung aufgeteilt wird, die Entscheidungen gemeinsam getragen werden und die eigenen Fehler nicht dem anderen in die Schuhe geschoben werden, macht das Leben als segelndes Paar richtig Spaß. Das heißt nicht, dass man sich nicht nach Interessen und Fähigkeiten an Bord aufteilen kann, oder, dass diese Aufteilung mitunter alten Stereotypen folgen könnte (ich koche, Jürgen wechselt das Öl). Aber das muss nicht sein, Hauptsache, man segelt gemeinsam als Team und nützt die Fähigkeiten an Bord. Braucht ein Partner länger, um sich an etwas zu gewöhnen (zum Beispiel die Segel auch bei aufkommenden Wind etwas länger stehen zu lassen) oder sich auf etwas einzulassen (zwischen Riffe zu schnorcheln, auch wenn Riffhaie in der Nähe sind) ist es nicht zweckführend, den Partner zu zwingen oder zu drängen. Das heißt aber nicht nur, dass sich keiner über den anderen heben kann. Das heißt auch, dass sich keiner unter den Partner stellen kann. 

Will man gemeinsam glücklich unterwegs sein, muss man dem Partner Platz lassen, sich gleichzeitig aber auch selbst fordern, weiter zu lernen und die Verantwortung zu übernehmen.

seglertreffen

Pragmatisch sein

„Träume nicht nur, mach aus deinen Träumen Visionen und folge diesen Visionen“. Das war der Leitspruch meines Vaters. Den Kopf in den Wolken zu haben, ohne die Realität mit einzubeziehen bringt die Träume nicht näher. Und so bedarf es Pläne und Vorbereitungszeit, bis sich Träume auch leben lassen. Mein Vater träumte sein Leben lang von einer Farm in Kanada. Ein Traum, der alles andere als leicht in die Realität gebracht werden kann. Es dauerte, bis die finanziellen Voraussetzungen geschaffen, die Visum gemacht und die Sprache wie auch die Wirtschaftsweise der Kanadier gelernt war. Und doch hat er es geschafft. Mit 50 Jahren war er stolzer Farmer in seiner Wahlheimat. Im Vergleich dazu, und dass darf mir jeder glauben, sind ein paar Jahre auf einem Segelboot auf den Weltmeeren ein einfach umzusetzender Traum. Trotzdem muss man sich im klaren sein, dass von nichts auch nichts kommt. Das soll heißen, man muss Ideen entwickeln und an der Umsetzung arbeiten. 

Auf einem Segelboot zu leben benötigt nicht viel. Trotzdem muss man ins Klare kommen, mit wie wenig oder wie viel man selbst auskommt. Deshalb muss man gezielt und pragmatisch an einer Idee arbeiten, wie die zukünftigen Kosten getragen werden sollten. Man muss daran arbeiten, sich einen kleinen wirtschaftlichen Notgroschen zu sparen und ein Boot auszurüsten.

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Gut haben es Segler, die es geschafft haben, sich ein kleines Einkommen irgendwo in der Welt aufgebaut zu haben. Denn das System, in dem man Aufgewachsen ist, hat uns geprägt und eine richtige Flucht aus dem System und seiner gewohnten Welt ist für viele nicht umsetzbar. Das ist auch nicht nötig. Auch wir gehören zu den Menschen, die sich weder als Aussteiger oder als Geflohene sehen. Auch wir haben ein kleines Einkommen in Österreich aufgebaut. Auch wir bewegen uns nach wie vor in unserem Wirtschaftssystem, bezahlen Steuern und rechnen damit, irgendwann wieder in unsere Heimat Europa zurück zu kommen. Aber unser wirtschaftliches Leben nimmt weniger Platz ein als es im westeuropäischen Alltag normal ist und unsere Zufriedenheit lässt sich nicht mit Einkommen bestechen. 

  Aber nicht jeder Segler hat ein Einkommen vorab gesichert, trotzdem leben sie glücklich. Vieles ist möglich und manchmal tun sich auch unterwegs Dinge auf, mit denen man vorab vielleicht nicht gerechnet hat. Das ist ganz normal. Denn immerhin öffnet die neue Lebensweise und die überschüssige Energie, die man nicht mehr in der Arbeitswelt verbrät, eine ungeahnte Kreativität. 

Auch bei diesen Überlegungen kann es ein guter Rat sein, erst einmal einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ein paar Monate einfach leben und erfahren, was man zum glücklich sein benötigt. Dann alle Hebel in Gang setzten und daran arbeiten, sich die Grundlagen für die weitere Reise zu erarbeiten. Meistens hat man dann schon eine kreativere Vorstellung, wie man sich seine Träume auch finanzieren kann.

kleine Blauwasseryacht

Und noch einmal: Pragmatisch sein

Sich einen Traum zu erfüllen heißt oft auch, sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden. Auch das fordert Pragmatismus. Man muss sich in Klaren werden, was man im Leben will und wie viel es einem Wert ist. Viele Menschen leben ihr Leben so wie es in der eigenen Kultur üblich und als normal angesehen wird. Und bei manchen Mitbürgern habe ich sogar den Eindruck, dass von der Berufswahl bis zur Familiengründung niemals klare Entscheidungen getroffen wurden, sondern alles einfach irgendwie passiert ist. So kommt man seinen Träumen nicht näher. Man muss sich entscheiden, was man im Leben will und an der Umsetzung dieser Entscheidung arbeiten. 

Man kann nicht alles haben – und alles ist zum Glücklichsein auch garnicht nötig!

Lagerfeuer am Strand

Keine Angst vorm Handwerk

Manche Menschen sind praktischer veranlagt als andere. Das ist eben so. Dennoch ist es unterwegs vorteilhaft, so viele Arbeiten als möglich selbst erledigen zu können. Das verringert die Abhängigkeit von Fachkräften unterwegs und erspart damit Kosten und Kopfschmerzen. Bereits zuhause kann man sich auf viele Arbeiten vorbereiten. Und damit meine ich nicht, in teure Kurse zu laufen, sondern bei handwerklichen Dingen mit anzugreifen und so ein wenig das Gefühl fürs Handwerk aufzubauen. Egal, ob es sich darum handelt, einmal die Funktionsweise eines Außenborders zu verstehen und die Zündkerzen zu putzen, oder ob es darum geht, sich mit dem Umgang von Stoff zu beschäftigen straffe und stabile Nähte zu fertigen. Man kann mehr mit seinen Händen schaffen, als viele vermuten und es ist ein schönes Gefühl, ein Problem selbst gelöst zu haben.

Zuhause kann man die Zeit nützen, sich handwerkliche Fähigkeiten anzueignen und sich damit selbst gut auf das Leben auf einem Boot vorbereiten. Frei auf einem Segelboot zu leben heißt eben auch, die Herausforderung anzunehmen, nicht für die Lösung von jedem kleine Problem eine Fachkraft zur Verfügung zu haben. 

Reparatur

Und was bleibt übrig: Den Sprung ins Wasser wagen!

Und keine Sorge, normalerweise ist das Wasser nicht kalt! Man kann soviel planen und vorbereiten wie man will, es funktioniert erst, wenn man die Entscheidung abzulegen umsetzt. Es mag schon sein, dass es bei dem einen Jahre an Vorbereitung benötigt, während der andere sich einen Plan fasst und die Leinen löst. Eigentlich ist es nur die falsche Einstellung, sich vor einer Umstellung oder Herausforderung im Leben zu fürchten, denn in Wahrheit macht es unheimlich Spaß, sich auf Neues einzulassen und seine Grenzen weiter nach außen zu stecken.

In Wahrheit ist ein kleines Segelboot und die Zeit, sich die Welt anzusehen kein so unmöglicher Traum. Du musst dafür weder Brücken einreissen noch eine unumstößlichen Weg einschlagen. Tausende Segler aus vielen Teilen der Welt und mit unterschiedlichsten Hintergründen haben es geschafft, sich diesen Traum zu erfüllen. Weshalb also solltest es gerade du nicht schaffen?

Fernweh