Ausrüstung für die Atlantiküberquerung

Liebe Claudia, Lieber Jürgen, … Seit vielen Jahren verfolge ich immer wieder eure Reisen, lese mit Interesse eure Blogs und Bücher. Gerade habe ich euer Buch über das Sturmsegeln in Arbeit. Wir haben beschlossen, […] 2024 die Segel zu setzen und von Kroatien aus in die Karibik zu segeln. Derzeit sind wir mitten in den Vorbereitungen, regeln unsere Jobs und statten unser Boot aus. […].

Da wir die letzten Jahre immer in Kroatien unterwegs waren, war bisher ein Autopilot nicht notwendig, jedoch hat der Schlag nach Venedig gezeigt, dass ab und zu eine Pause vom Rudergehen nicht schlecht wäre. Daher haben wir eine Windpilot Pacific bestellt.

Das Thema Boot und Ausrüstung bewegt mich sehr. Beim Boot können wir nicht aus, wir haben eine Bavaria 35 Exclusive Bj 1998 mit Rollgroß. Ich habe eure Gedanken zum Thema Rollgroß gelesen, allerdings würde eine Umstellung den finanziellen Rahmen sprengen. Interessant fand ich eure Überlegungen zu den vertikalen Latten, daher denke ich darüber nach, diese Latten für die Reise zu entfernen.

Neben vielen anderen Dingen interessiert mich eure Einschätzung bezüglich der Ausrüstung für die Atlantiküberquerung von den Kanaren in die Karibik im Dezember, Jänner. Wie seht ihr das mit den Treibstoffreserven? Wenn ich soviel Sprit mitnehme, damit ich zumindest die halbe Strecke notfalls unter Maschine fahren kann, dann bekomme ich ein Platzproblem, denke ich. Wo staut man diesen Reservetreibstoff am besten? An Deck? Thema Sprayhood: Derzeit verfügt unser Boot nicht über eine Sprayhood. Notwendig oder nicht. Unser Thema ist, dass wir ein begrenztes Budget haben und dass in die wirklich wichtige Ausrüstung investieren wollen. Es wäre super und würde uns sehr freuen, wenn ihr uns hier mit eueren Erfahrungen und Erkenntnissen weiterhelfen könntet. Vielen Dank schon jetzt! Liebe GrüßeG. und M.

 

Die erste Ozeanüberquerung mit dem eigenen Boot steht bevor. Und dafür sollte natürlich Boot und die Crew richtig ausgerüstet werden.

Aber was heißt das eigentlich – „Richtige Ausrüstung für die Atlantiküberquerung“? 

Was ist nötig, was ist „schön zu haben, aber es geht auch ohne“?

Die Selbststeueranlage

Wenn du mitten in der Nacht auf einem Ankerplatz voller Fahrtenyachten von Boot zu Boot fahren, die weitgereisten Segler aufwecken und spontan nach ihrem liebsten Ausrüstungsgegenstand fragen würdest, würden vermutlich (fast) alle Befragten ohne zu Zögern antworten:

Selbsteueranlage / Autopilot!
Windsteueranlage Aries
Windsteueranlage Aries

Denn es ist mehr als schön, ab und zu eine Pause vom Ruder machen zu können.

Ohne Selbsteueranlage heißt, über den Atlantik 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, drei Wochen lang am Ruder zu sitzen. Bei einer Crew von 2 Personen heißt das, dass du nicht einmal aufs Klo gehen kannst, ohne deinen Partner zu wecken oder das Boot für die kurze Zeit beizudrehen.

Ja, es geht auch ohne. Wir sind an Bord unseres ersten Segelbootes tausende Seemeilen ohne Selbsteueranlage gesegelt. Bei jedem Wetter und bis wir vor lauter Übermüdung von der Cockpitbank geflogen sind – die Pinne natürlich fest in der Hand. Aber Spaß macht das keinen.

Prinzipiell gibt es zwei Varianten der Selbsteueranlage: Windsteueranlage und Autopilot. 

Dabei punktet die Windsteueranlage damit, keinen Strom zu benötigen, kaum kaputt zu gehen und auch bei viel Wind lange nicht überfordert zu sein. Dafür benötigt sie – je nach Anlage und Modell – manchmal etwas Fingerspitzengefühl und auch Wartung. Auch kann sie ihren Dienst quittieren, wenn das Boot nicht richtig getrimmt wird. Und selbstverständlich hält sie keinen Kompasskurs, denn sie steuert mit der Windrichtung – bei Winddrehung dreht sie den Kurs ganz einfach mit.

Trimmen
Die Windsteueranlage funktioniert nur dann richtig, wenn das Boot auch ordentlich getrimmt wird.

Der Autopilot hält im Gegensatz dazu Kompasskurs, auch, wenn das Boot unter Motor durch die Flaute läuft. Aber er benötigt Strom – und davon nicht zu wenig. Je nach dem, wie schlecht sein Kompass gedämpft ist, kann er sich im Wellengang schon mal zu unnötigen Hochleistungen (und damit zum Spitzenverbraucher) aufschaukeln. Auch haben wir bisher niemanden getroffen, der auf Langfahrt nicht doch schon mal seinen defekten Autopiloten austauschen musste (aber das kann natürlich subjektiv sein).

Der elektrische Autopilot kann – je nach Modell – mit seinen elenden Geräuschen zur echten Nervenbelastung werden. Was mich persönlich immer wieder mal zu freiwilligen Stunden ans Ruder bewegt, nur um dieses jämmerliche „eee…uuuu….eeee….uuu“ nicht mehr mitanhören zu müssen.

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Wir haben daher an Bord von La Belle Epoque beide Varianten verbaut: eine Windsteueranlage am Heck und einen elektrischen Autopiloten im Steuerhaus. Eine ideale Lösung für alle Blauwasseryahten: Die Windsteueranlage steuert über tausende Meilen über Ozeane, der elektrische Autopilot arbeitet in engen Revieren mit wechselhaften Winden und unter Motor.

Zusätzlich zur Windsteueranlage haben wir an Bord von LA BELLE EPOQUE auch einen elektrischen Autopiloten verbaut. Trotzdem steuere ich immer wieder mal gerne von Hand.

Der Wetterempfang

Für mich persönlich noch wichtiger als die Selbsteueranlage ist die Möglichkeit, unterwegs auf Ozeanen Wetterberichte empfangen zu können. Dabei gibt es auf Ozeanpassagen nur zwei Möglichkeiten:

Kurzwellenfunkanlage oder Satellitenempfang

Welche Variante ideal ist, ist Geschmacksache.

Eine Kurzwellenfunkanlage benötigt die richtigen Lizenzen und kann teuer in der Anschaffung sein. Wobei die Lizenzen alleine kaum genügen, denn um die Anlage an Bord dazu zu bringen, zuverlässig und maximal zu funktionieren, benötigt es schon ehrliches Verständnis. Du musst dich also mit der Materie ernsthaft beschäftigen. 

Einer der Vorteile von Kurzwellenanlagen ist, das abseits der Anschaffung keine nennenswerten weiteren Kosten mehr anfallen. Wetterdaten und e-Mails können ohne Gebühren empfangen werden.

KW Funkgerät und Pactor Modem an Bord

Satellitenanlagen wie zum Beispiel Iridium Go können im Gegensatz dazu ohne Vorkenntnisse oder Lizenzen betrieben werden. Die Anschaffungskosten von Iridium Go ist verhältnismäßig geringer, dafür fallen laufende Kosten an. Je nach dem, wie lange die Blauwasserreise dauern sollte, können sie aber die günstigere Alternative werden. 

Ob bereits vollwertiger Internetempfang an Bord über den Atlantik möglich ist, ist mir derzeit noch nicht bekannt. Allerdings scheint es so, dass das Netz von Starlink bald schon den ganzen Atlantik decken könnte. Dann könnte auch dieses Satellitennetzwerk eine Alternative zu Funk und Iridium Go werden.

Egal, für welche Variante du dich entscheidest, selbstredend benötigen alle diese Empfangs-Möglichkeiten Energie. Nicht nur deshalb gehört ein passendes Energiemanagement zu den wichtigsten Ausstattungen für Ozeanpassagen.

Das Engeriemanagement

Über den Atlantik benötigst du genügend Strom, um alle deine Navigationsinstrumente 24/7 betreiben zu können, dazu deine Beleuchtung, deine Empfangsgeräte und natürlich deinen „Hausgebrauch“ (je nach Ausstattung von Wasserpumpen bis zum Kühlschrank).

Das heißt, du benötigst eine passende Batteriebank zusätzlich zu deiner Starterbatterie sowie die Möglichkeit, diese Batteriebank auch unterwegs aufladen zu können. Wir persönlich setzten dabei auf AGM-Batteribänke und Solarenergie. 

Batteriebänke an Bord

Der Markt bietet viele Möglichkeiten und viele Preisklassen: von Litium bis Blei, von diversen Generatoren bis zu PV.

Wichtig bleibt, dass die Anlage den benötigten Verbrauch liefern kann und dass es Alternativen bei Ausfall oder Teilausfall gibt.

PV an Bord
Photovoltaik an Bord

Da du ja nicht über den Atlantik treiben willst, benötigst du einen Antrieb. Dein wichtigster Antrieb am Segelboot sind natürlich deine Segel.

Die Segelausrüstung

Fahrtensegel müssen wochenlang am Stück durchhalten und sie müssen sich auf diverse Windbedingungen einstellen lassen. Großsegel müssen mindestens drei Reffstufen haben und an sämtlichen Stellen verstärkt werden, an denen sie am Rigg schamfilen können. 

Hochseeyachten benötigen eine variable und hochwertige Segelausstattung

Es stimmt, wir sind Freunde vom traditionellen Großsegel mit Bindereff. Das heißt aber nicht, dass ich bei einem Rollgroß unbedingt empfehlen würde, die Latten komplett rauszunehmen. Dazu habe ich zu wenig Erfahrung mit dem System. 

Steht dein Segel ohne Latten noch gut und lässt es sich auch dann noch problemlos einrollen? Ich bezweifle es. Eventuell kann eine Beratung mit einem kompetenten Segelmacher weiterhelfen. Eine Lösung kann eine extra Schiene am Mast und ein Trysegel sein. So kannst du rechtzeitig vor Starkwind dein Rollgroß wegrollen und auf ein kleines Sturmsegel umrüsten, ohne dass die Latten aus dem Segel müssen oder das Großsegel aus seiner Nut im Mast gezogen werden muss.

Wichtig ist auch das Augenmerk auf deine Vorsegelgarderobe: Ein Sturmvorsegel zählt für mich zum Muss, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass du dieses bei einem Atlantiktörn benötigst, gering ist.

Sturmfock und Orkanfock
An Bord von LA BELLE EPOQUE steht eine Sturmfock und eine Orkanfock zur Verfügung. Bisher erlebten wir aber mit dieser Hochseeyacht noch keine Stürme jenseits der 10 Beaufort, weshalb die Orkanfock bisher unangetastet blieb.

Über ein passendes Leichtwindsegel kannst du ebenfalls nachdenken. Ich würde dies zwar nicht als essentiell einstufen, da du bei Flaute ja auch warten kannst. Aber toll kann ein passendes Leichtwindsegel allemal sein.

Motor und Treibstoff

Zum Thema Antrieb gehört natürlich auch der Motor – und damit der Treibstoff. Dein Motor sollte in einwandfreiem Zustand sein, nicht unbedingt, weil du ihn am Ozean so sehr benötigst, sondern überall dazwischen. 

Weshalb du Treibstoff für die halbe Atlantikstrecke mit dabei haben willst, ist mir nicht ganz klar. Woher kommt diese Empfehlung?

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Du wirst die meiste Zeit, wenn nicht die ganze Strecke, unter Segel laufen. Treibstoff benötigst du fürs Ablegen und Ankommen. Wobei das Ankommen schon mal heißen kann, dass einen halben Tag vor der Insel der Wind stirbt.

Und falls das Wetter nicht mitspielt, du durch Flauten oder umlaufende Winde und Squalls unter Motor laufen willst. Das heißt also, dass du für vielleicht zwei oder drei Extra-Tage Treibstoff benötigst. 

Falls dein Energiemanagement einen Dieselgenerator behinhaltet, benötigst du auch dafür genügend Treibstoff.

Wir haben noch nie für eine halbe Ozeanstrecke Treibstoff gebunkert, und würden das auch nicht machen. Ausgenommen, der Treibstoff am anderen Ende der Ozeanpassage ist extrem teuer, die Passage führt durch besonders windarme Gebiete oder durch Packeis. Das alles ist bei einer Atlantiküberquerung von den Kanaren zur Karibik aber nicht wahrscheinlich.

Kanister auf Deck
Kanister auf Deck sind eine denkbar schlechte Lösung!

Wir empfehlen also, dass du soviel Treibstoff mitnimmst, wie du in Tanks unter Deck stauen kannst, ohne das Boot zu vertrimmen. Solltest du extrem kleine Treibstofftanks haben, macht es Sinn, über zusätzliche Einbautanks nachzudenken. Kanister auf Deck bleiben aber die denkbar schlechteste Variante. Sie vertrimmen deine Yacht, Belasten den Seezaun und sind im Weg. Der Diesel in Kanister auf Deck wird außerdem durch Hitze, Sonneneinstrahlung und Temperaturschwankungen bald Probleme mit Bakterienwachstum haben.

Und beim Thema Tanks kommen wir damit gleich zu einer weiteren wichtigen Ausrüstung für die Atlantiküberquerung:

Die Trinkwassertanks

Trinkwasser gehört natürlich zu den allerwichtigsten Gütern an Bord. Selbstverständlich müsst ihr genügend Wasser für die gesamte Reisedauer plus Extra für Eventualitäten an Bord lagern können.

Bei uns an Bord haben sich 5,5 Liter pro Tag für zwei Personen als Minimum herausgestellt. Dabei wird allerdings Wasser nur fürs Trinken und Kochen verwendet. Von der Körperhygiene bis zum Abwasch wird dann alles mit Salzwasser verwendet. Um sicher zu gehen, rechnen wir also einfach mit 10 Liter Wasser pro Tag für eine Crew von 2 Personen. Bei einem Atlantiktörn von ungefähr 20 Tagen wäre ein Trinkwassertank von 200 Liter damit Minimum. Wir empfehlen einen zusätzlichen Trinkwassertank (zum Beispiel mit 100 Liter) zu verbauen (notfalls auch einen flexiblen Tank) und ein paar Notwasserkanister im Boot zu verstauen.

Trinkwasser an Bord – das höchste Gut!

Setzt ihr lieber auf die Installation einer Entsalzungsanlage (eines Wassermachers) an Bord, ist dennoch ein 200 Liter Tank ein Mindestmaß, um auch bei Gebrechen der Anlage nicht in Schwierigkeiten zu kommen.

Auch für die Trinkwasserkanister gilt: Sie sollten unter Deck oder in den Backskisten verstaut werden, um sie nicht unnötig Temperaturschwankungen und Sonneneinstrahlung auszusetzen.

Damit also zum Thema Sonneneinstrahlung und Schutz vor dem Wetter.

Sprayhood und Abschattung

Natürlich kennen wir Yachten, die ohne Sprayhood unterwegs sind. Auch wir waren auf unserem ersten Boot ohne Sprayhood und ohne Sonnenschutz unterwegs. Wir haben uns ganz einfach bei jeder überkommenden Welle „weggeduckt“, damit das Wasser nicht ins Ölzeug rein und den Hals runter strömt. Auch erforderte das Öffnen des Nidergangs das richtige Timing, damit das Wasser draußen blieb.

Das geht, aber lustig ist das nicht. Im Gegenteil: Hochseesegeln ohne Sprayhood heißt, seine Wachen ohne Wetterschutz zu fahren. Und es heißt, bei Schwerwetter den Ozean auch ins Boot zu bekommen. Spätestens, beim Wachwechsel.

In tropischen Breiten heißt das aber auch, dass die Crew ernsthaft Probleme mit Sonnenstich und Überhitzung bekommen wird. Denn die Sonnenstrahlen erreichen euch nicht nur von oben, sondern werden auch vom Ozean reflektiert. Obwohl ihr am Wasser sitzt, werdet ihr euch ohne Abschattung bald fühlen, als ob ihr in einer Wüste seid.

Sprayhood und Bimini schützen vor Wetter und Tropensonne

Deshalb ja, Sprayhood und Bimini gehören unserer Meinung zur wichtigen Ausrüstung für die Atlantiküberquerung.

Am besten plant ihr euer Sprayhood nicht nur als kleines Sonnendach über dem Niedergang. Bestenfalls sollte es groß genug sein, um mindestens einer Person vollen Wetterschutz zu geben. 

guten Wetterschutz bietet eine Sprayhood, die auch seitlich schützt.

Alternativ kann eine Dodger kostengünstig aus Sperrholz und Plexiglas selbst gebaut werden. Verzichten würden wir darauf allerdings nicht.

Nicht für die Atlantiküberquerung selbst, aber für alle Stationen bis zum offenen Atlantik und fürs Ankommen: Jede Fahrtenyacht benötigt starke, unterfütterte Klampen und eine passende Ankerausrüstung. Mehr dazu findest du in unseren Berichten übers Deck der Fahrtenyacht und übers Ankern!

 

Ein Kommentar

  1. Hallo Claudia, Hallo Jürgen!

    Vielen Dank auch auf diesem Weg nochmals für eure ausführliche Antwort. Wir sind schon im Umsetzen von eueren hilfreichen Hinweisen. Es ist schön, wenn man von Erfahrung profiteren kann.

    Liebe Grüße!

    Gerhard und Manuela

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