Gibt es eine „ideale Masthöhe“ für Blauwasseryachten

Gibt es eine „ideale Masthöhe“ für Blauwasseryachten

4. Mai 2020 0 Von ckirchberger

Guten Tag Ihr Zwei

…Nun meine Frage; Ich habe im Internet immer wieder gesucht, was wäre eine ideale Masthöhe (max. Höhe inkl. Schiff) für eine Weltumseglung. Ihr seid mit einer Ketsch unterwegs und daher nehme ich an, dass der Hauptmast somit nicht gleich Hoch ist wie bei einer Sloop. Ich selber bin am Bau und kann noch entscheiden ob Ketsch oder Sloop. Ok wird natürlich keinen Schönheitspreis gewinnen, aber für mich muss es nützlich sein. Meine Überlegung betreffend Masthöhe sind – Möglichkeit bei Sturm für Schutz tiefer ins Land fahren zu können, aber Brücken könnten die Fahrt rasch beenden. Welche Durchfahrtshöhe haben nach Eure Erfahrung die meisten Brücken, die für Weltumsegler in Frage kämen ? Wenn man überhaupt eine Statistik machen könnte ! Gibt es eine Brücken Durchfahrtshöhe die in der Nautic gebräuchlich ist ? oder ist es reiner Zufall wie hoch eine Brücke ist. Was meint Ihr wegen den Kosten, Preisunterschied ein grosser Mast gegenüber Ketsch 2 Masten ? inkl. Segel etc. Die ganzen Kräfte verteilen sich besser und daher könnte das Material bis zum Fall etc. im Verhältnis günstiger und einfacher zu beschaffen sein. 

Viele Grüsse W.

Ohne direkte Details vom Bootsbauprojekt, ist es schwer, eine direkte Antwort zu geben. Denn es macht einen Unterschied, ob es sich um einem Rumpf oder mehrere handelt und von welcher Bootsgröße wir eigentlich reden. Aber da ich davon ausgehe, dass du nicht uns fragen würdest, wenn es sich um einen Katamaran oder Trimaran handelt (und du vermutlich in dem Fall auch nicht über eine Ketsch nachdenken würdest), konzentriere ich mich einfach mal auf eine Einrumpfyacht und beschreibe dir unsere Erfahrungen.

Generell gesagt kommt es natürlich erst einmal darauf an, welche Masthöhe und wieviele Masten der Konstrukteur für deine Yacht berechnet hat. Denn es kommt ja darauf an, welchen Ballastanteil die Yacht haben wird und was sie tragen kann, ob sie für einen Masten oder mehrere Masten gezeichnet wurde, ob die Masten mit zusätzlichen Gewicht ausgestattet werden und so weiter. 

Die Frage nach der Ketsch oder Slup hängt in meinen Augen in erster Linie von der Schiffslänge ab: 

Große Blauwasseryachten mit 18 oder mehr Meter über Deck fahren meist aufgeteilte Segelflächen als Ketsch mit Kutterstag. Die Vorteile liegen dabei hauptsächlich bei den Trimmmöglichkeiten des Ketschriggs, die Aufteilung der Segelfläche (das Besansegel bringt allerdings weniger Vortrieb als ein vergleichsweise größeres Großsegel) und damit der Handhabung und im Fall von sehr großen Yachten auch in den Durchfahrtshöhen und Kosten des Riggs, da ein Ketschrigg doch etwas kürzer konzipiert werden kann und sehr hohe Riggs durchaus teuer werden, da nicht nur das Rigg selbst besonders stark gefertigt sein muss, sondern auch größere und damit teurere Decksausrüstung benötigt. Besonders große Segel können obendrein von einer kleinen Blauwassercrew kaum noch Manuel gehandhabt werden und der Schritt zu hydraulischen Rollreffanlagen und Winden muss bedacht werden. Aber wie beschrieben, wir sprechen hier von besonders großen Fahrtenyachten.

Ketsch

Besonders große Fahrtenyachten werden häufig als Ketsch geriggt.

„Kleine und normale“ Blauwasseryachten – ich spreche also von 9 bis 16 Meter Bootslänge über Deck, werden in der Regel als Kutter geriggt. (Ausnahme sind bisher vor allem ältere amerikanische Blauwasseryachten, die sehr gerne als Ketsch unterwegs sind.) Ich habe jetzt absichtlich Kutter und nicht Slup geschrieben, denn die Slup ist zwar auf der Blauwasserroute unterwegs, aber nicht, weil sie ein gutes Rigg für Blauwasseryachten darstellt, sondern einfach nur, weil viele Urlaubsyachten zum Zweck der Blauwasserfahrt verwendet werden. 

Das Slup-Rigg (also ein Masten mit nur einem Vorstag), ist unserer Erfahrung nach die schlechteste Variante, vor allem, wenn es sich um ein Rigg mit Rollreff-Vorsegel handelt. Bei Windzunahme hat nämlich die Crew keine zufriedenstellende Möglichkeit, Schwerwettersegel anzuschlagen. Da ja die Rollgenua so lange gerefft gefahren wird, bis es praktisch zu spät ist, um das Segel aus seiner Nut zu nehmen und ein kleines Schwerwetter- oder Sturmsegel zu riggen. Viele Segler mit Sluprigg segeln daher in Starkwind weiterhin mit ihrer eingerefften Genua. Das bringt gleich mehrere Nachteile:

  • die Yacht kann nicht mehr ordentlich getrimmt werden
  • Der Segeldruckpunkt wandert immer weiter nach oben und verschlechtert damit die Stabilität der Yacht gerade dann, wenn es darauf ankommt.
  • Die Leistung des Segelns nimmt weiter ab, da es keinen ordentlichen Segelstand mehr gibt (und damit kann das Freikreuzen von einer Küste zum ernsthaften Problem werden)
  • Das teilweise eingerollte Segel ist höheren Belastungen mit schamfilen ausgesetzt und wird schneller kaputt
  • Im Fall von Segelbruch hat die Crew keine Atlernative mehr und ist der See ausgesetzt
  • Bei Schaden am Vorstag kommt der Mast runter.

Einziger Vorteil einer Slup sind ihre geringeren Kosten (nur ein Vorstag, nur ein Vorsegel, …)

Das Ketschrigg bietet unserer Meinung sowohl Vor- wie auch Nachteile:

Grundlegende Vorteile:

  • Mehr Trimmmöglichkeiten
  • Langsamere Rollbewegung, da sowohl der Besanmast dämpft wie auch das Besansegel als Dämpfer unterwegs und vor Anker eingesetzt werden kann
  • Einfachere Handhabung durch aufgeteilte Segelflächen
  • Eventuell (aber eher unbedeutend) geringere Deckshardware möglich.

Grundlegende Nachteile:

  • mehr Windangriffsfläche (besonders starkes Ankergeschirr nötig, kann beim Einlaufen in enge, windige Häfen zur Herausforderung werden)
  • Das Wissen und die Fähigkeit, mit einem Ketschrigg zu segeln, geht langsam verloren und damit müssen die meisten Segler erst lernen, ihren Besen richtig einzusetzen. 
  • Höhere Kosten, da ein extra Mast mit allen Warten und Stagen sowie ein extra Segel bezahlt werden muss. 
  • Besanmast ist gut als Antennenmasten verwendbar.
  • Extra Arbeit (Ein Segel mehr, eventuell laufende Backstagen, …)

Für kleine Yachten bis 10 Meter Schiffslänge würden wir von einem Ketschrigg aufgrund des hohen Gewichts abraten. Mittlere Blauwasseryachten, wie sie heut auch auf den Weltmeeren dominieren (also so um die 13 bis 15 Meter), können das extra Gewicht eines Ketschrigges normalerweise leicht tragen (solange sie für dieses Rigg konstruiert wurden). Da moderne Decksausrüstung aber auch große Segel für kleinen Crews möglich macht, sind sie heute nicht mehr beliebt oder nötig. 

Kleine Fahrtenyachten werden am Besten als Kutter geriggt.

Unsere Meinung also zur Art des Riggs generell: Ein Kutterstag sollte bei jeder vernünftigen (Einrumpf-)Blauwasseryacht eingerechnet werden. Eine Ketsch ist heute nicht mehr üblich und auch nicht wirklich nötig, solange es sich um Yachten unter 17 Meter Länge über Deck handelt. Wir genießen zwar die Vorteile, Trimmmöglichkeiten und den Look unserer Ketsch, würden aber nicht auf das Ketschrigg bestehen, wenn wir selbst eine Yacht suchen würden. Wir selber segeln den Besan gerne und viel, aber schon auch deshalb, weil wir uns gerne mit den Segeln herumspielen. Das geht nicht jeder Blauwassercrew so, wir kennen genug Ketschen, die nur sehr selten ihr Besansegel zeigen. 

Generell würden wir eine Yacht, die wir noch nicht langfristig gesegelt sind, mit so vielen Masten riggen, wie sie vom Konstrukteur berechnet worden ist. Selber ein Rigg umzuriggen benötigt Erfahrung mit der Yacht und Fingerspitzengefühl. 

Unserer Erfahrung nach bringt das Ketschrigg gegenüber dem Kutter kaum Ersparnisse bei der Deckshardware und dem laufenden Gut, aber das hängt auch damit zusammen, dass La Belle Epoque einen überaus hohen Großmasten fährt, der auch als Slup nicht mehr sehr viel höher ausfallen könnte. Das extra Besansegel mit all seinen Beschlägen und laufenden Gut wiegt eventeulle Einsparungen ohnehin sofort auf, unserer Meinung nach ist die Ketsch teurer als der Kutter.

Und so zur eigentlichen Frage: Die Mastlänge.

Prinzipiell haben wir beobachtet, dass bei den meisten Fahrtenyachten, die wir treffen, die Mastlänge vom Großmast zirka 20% länger als die Schiffslänge über Deck ist. Um den Daumen also: eine 10m Yacht segelt mit vielleicht 12 Meter auf Deck, eine 14m Yacht mit 16m Masthöhe auf Deck. Das kann jetzt einfach mal als Faustregel oder Anhaltspunkt verstanden werden. Dabei sind Ketschen oft niedriger geriggt und dezizierte Blauwasseryachten werden vereinzelt auch mit niedrigeren Masten geriggt, um bei Schwerwetter weniger Windangriffsfläche zu haben.

Wir persönlich halten nicht viel von gekürzten oder niedrigen Riggs, und das sieht man an unserem Boot. Unsere La Belle Epoque trägt das höchstmögliche Rigg, das ihr Konstrukteur zugelassen hat. Bei einer Rumpflänge von 13,2m trägt La Belle Epoque einen Großmasten mit 17,5m auf Deck und einen Besanmasten mit knapp 13 Meter auf Deck. Das passt uns auch so, da wir auch bei relativ leichten Winden uns noch unter Segel bewegen, obwohl La Belle Epoque ein schweres Stahlschiff ist, die zu allem Übel meist auch noch im „Blauwassertrimm“ – sprich überladen – laufen muss und deren Unterwasserschiff oft genug von Bewuchs gebremst wird. Die Masthöhen waren bisher für uns kein Problem, weder in Schwerwetter noch in Durchfahrtshöhen. Dazu müssen wir aber auch sagen, dass wir aktiv segeln, immer mit maximaler Segelfläche dem Wind trotzen und im Schlaf reffen können. Unser Großsegel trägt übrigens vier Reffreihen (der Besan 2 Reffreihen), was uns relativ schnell auf den Wind reagieren lässt und wir legen bei frischem Wind je nach Kurs oft schon das erste Reff ein. 

In Norwegen und in Dänemark haben wir bisher jeweils einmal einen Umweg gesegelt, da wir uns unter einer 20m hohen Brücke nicht durchwagten (unsere 17,5 Meter stehen auf Deck und wir hatten keine Angaben zum genauen Wasserstand), nachdem wir nicht unbedingt mussten (in beiden Fällen konnten wir rund um die kleine Insel segeln und von der anderen Seite aus den Ankerplatz anlaufen).

In der Regel treffen wir hauptsächlich auf Brückehöhen, die über 22m hoch sind, oder eben so niedrig, dass kein Segelboot durchpassen würde. Bei gängingen Schiffahrtsrouten sind Brücken und Kabel sogar weit höher, da dort ja große Frachter unterwegs sind. 

Wir hatten noch nie das Problem, einen sicheren Ankerplatz aufgrund unserer Masten nicht erreichen zu können. Gelegentlich gibt es an einsameren Küsten das eine oder andere Kabel, das zu niedrig ist, manchmal handelt es sich dabei um Kabel, die beinahe „selbst verlegt“ aussehen. Das haben wir aber bisher nur an Küsten erlebt, die endlos viele Ankerbuchten zur Verfügung hatten, also in Fjorden oder Schären, und wo hier und da eine Fischerhütte oder ein Ferienhäuschen steht. Und meistens ging es dabei um Buchten, die wiederum eine andere Einfahrtsmöglichkeit hatten oder wo eine gleichwertige Ankerbucht in unmittelbarer Nähe zu finden war.

Gehört haben wir von einem Kabel, das über den Gambia-Fluss in Afrika die Reise tiefer den Fluss hoch ins Innland für Jachten beschränkt. Und von einem Kabel (oder war es eine Brücke), das (die) die Zufahrt direkt zu Petersburg beschränkt (es soll aber einen Hafen davor geben). Sonst haben wir bisher weder selbst Erfahrungen mit zu niedrigen Kabel (unter 20 Meter) gemacht oder gehört. 

Ob es weltweit gesehen eine Regel für Brückenhöhen und Kabel gibt, bezweifeln wir, abseits der Brückenhöhen für ausgeschriebene Schifffahrtsrouten, die, wie gesagt, ohnehin so hoch sind, dass sie normale Yachten abseits Superyachten nicht betreffen. 

La Belle Epoque trägt die höchstmöglichen Masten, die ihr Konstrukteur für sie vorgesehen hat.