Wetterorientierte Routenplanung in anspruchsvollen Revieren

Wetterorientierte Routenplanung in anspruchsvollen Revieren

14. April 2020 0 Von claudia und jürgen

Ein Auszug aus unserem neuen Nachschlagewerk: SEGELN IN DEN HOHEN BREITEN

Das Wetter gehört zu den kritischsten Parametern jeder Segelreise in den Hohen Breiten. Niedrige Temperaturen, Starkwind und wechselhaftes Wetter vordern jede noch so erfahrene Segelcrew heraus. Stürme, gefährliche Decksvereisung, dichter Nebel und extremer Seegang dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Hilfe in einer Notsituation ist in vielen Revieren nicht nahe. Deshalb hier einigen grundsätzlichen Überlegungen, die von jeder noch so erfahrenen Crew beachtet werden sollten!

Segle stets zur richtigen Saison!

Die Saisons in den Hohen Breiten sind kurz. Verspäteter Aufbruch oder Verzögerungen in der Strecke können gefährlich werden. Wenn nicht anders möglich, muss die Reise frühzeitig abgebrochen werden. Umdrehen und die Passage um ein Jahr verschieben, zeigt nicht von fehlendem Mut, sondern von vorhandener Intelligenz.

Sollte die Saison für eine Passage in einer Saison zu kurz sein, kann eine Überwinterung in den Hohen Breiten durchaus eine spannende Überlegung sein.

(Mehr zum Thema: SEGELN IN DEN HOHEN BREITEN, Kapitel 9 Ozeanpassagen, Routen und Saisons, Kapitel 8 Überwintern, Kapitel 10 Länderinformationen)

Beobachte die Wetterprognosen sorgfältig und großflächig!

Und damit kann bereits vor Aufbruch in das geplante Revier begonnen werden. Je besser die Wettervorhersagen beobachtet werden, desto genauer kann die Interpretation dieser Daten gelernt werden. Dadurch können unstabile Wetterlagen so früh wie möglich wahrgenommen werden, sich entwickelndes Schwerwetter kann eventuell noch aus dem Weg gegangen und Vorbereitungen für Sturm können rechtzeitig getroffen werden.

Die Beobachtung der Wetterentwicklung hört in den Hohen Breiten auch vor Anker oder im Hafen nicht auf. Viele Ankerplätze bieten keinen Schutz gegen Sturm aus allen Richtungen.

Hafenanlagen in den Hohen Breiten sind selten für Yachten optimiert und teilweise sogar gefährlich. Deshalb muss der Wetterbericht selbst im Hafen täglich verfolgt werden und alternative Ankerplätze oder Anleger müssen stets ins Auge gefasst werden.

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(Mehr zum Thema: SEGELN IN DEN HOHEN BREITEN, Kapitel 3 Wetter)

Bereite die Yacht, die Crew und dich selbst rechtzeitig auf schweres Wetter vor!

Durch gute Planung und genaue Beobachtung der Wetterprognosen lassen sich viele schwere Situationen vermeiden. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, in schweres Wetter zu geraten, hoch.

Je besser die Yacht und ihre Crew auf schwere Situationen vorbereitet ist, desto sicherer und kompetenter wird sie die Situation meistern können. Dass alle Crewmitglieder die Yacht von Hand steuern können ist in diesem Grundsatz ebenso enthalten wie die bestmögliche und leicht zu bedienende Sturmausrüstung der Yacht. Die Stammcrew muss mit dem Umgang der Sturmausrüstung vertraut und geübt sein. Auch sollen Alternativen vorbereitet sein, wenn eine Sturmtaktik versagt.

(Mehr zu diesem Thema: SEGELN IN DEN HOHEN BREITEN, Kapitel 7. Schwerwettersegeln)

Die Entscheidung zum Auslaufen hängt vom Wetter ab, nicht vom Termin

Speziell Flugtermine durch Crewwechsel oder Besuch an Bord verleiten Yachtskipper immer wieder zu fehlerhaften bis dummen Entscheidungen. Jedem Mitsegler an Bord muss klar sein, dass Yachten keine Fähren sind und sich nicht an konkrete Termine halten können. Flugtickets können stornoversichert werden, monatelange Buchung im Voraus um besserer Ticketpreise willen machen unnötigen Druck. Bestenfalls werden Flüge erst gekauft, wenn sich die Yacht bereits im vereinbarten Revier befindet.

Diese Regel gilt für alle Segelreviere der Welt, in den Hohen Breiten kann das termingebundene Segeln allerdings schnell zu ernstzunehmenden Problemen führen. Ich habe zum Beispiel Skipper erlebt, die ihre Yacht tagelang gegen Eisbarrieren in der Nordwest-Passage schickten und damit unnötiges Risiko eingingen, nur um gebuchte Flüge rechtzeitig erreichen zu können.

An Bord werden die Entscheidungen getroffen, nicht in der Gruppe mit anderen Seglern!

In den Hohen Breiten ist das Segeln in Gruppen grundsätzlich weniger verbreitet als in den tropischen Revieren. Doch gerade durch die kurzen Saisons, durch Eis oder durch die Wetterlage ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die wenigen Yachten an Schlüsselstellen der Route treffen. Dann ist es wichtig, kühlen Kopf zu behalten und den eigenen Entscheidungen an Bord zu folgen.

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Je größer die Gruppe von Segelyachten wird, desto gewillter sind die meisten Menschen, die eigenen Beobachtungen und Gefühle hinter die Beschlüsse der Gruppe zu stellen. Doch die Beweggründe für Entscheidungen auf anderen Yachten können falsch sein: Angst, Termindruck, Probleme mit Crew, Stress, Unbequemlichkeiten oder Unwissenheit und Ignoranz. Die lautesten Stimmen für Gruppenentscheidungen sind nicht zwingend die erfahrensten und geeignetsten Ratgeber.

Für manche Menschen ist es schwierig, sich gegen die Entscheidung einer Gruppe zu stellen, und die Gruppe kann es den einzelnen noch härter machen. Im oben genannten Fall in der Nordwest-Passage zum Beispiel wurde von jenen Yachten, die aufgrund Terminzwang gegen die Eisbarriere liefen, eine allgemeine „Jetzt oder nie! Stimmung“ verbreitet. Erst später wurde zugegeben, dass der Skipper der tongebenden Yacht wegen eines Termins an seinem Arbeitsplatz getrieben wurde.

Segeln in den Hohen Breiten verlangt Geduld!

Dies klingt einfacher, als es wirklich ist, aber warten auf das richtige Wetter oder das Öffnen einer Eisbarriere kann wahrscheinlich den geduldigsten Menschen aus der Ruhe bringen.

Während ich diese Zeilen schrieb lagen wir bereits 10 Tage vor Anker in den Falkland Inseln und müssen weitere Tage warten, um günstigeres Wetter für die Segeletappe bis Kap Horn zu bekommen. Ungeduld ist ein harter Lehrmeister: Zwei Tage davor versuchten wir, gegen den Wind anzukommen. Nur um festzustellen, dass wir nach acht Stunden lediglich 20 Seemeilen des Sollkurses geschafft hatten. Sich in Geduld zu üben ist immer wieder eine große Herausforderung.Gedanken