Sturmsegeln Spezial – Teil 14: Die Schwerwetterausrüstung

Sturmsegeln Spezial – Teil 14: Die Schwerwetterausrüstung

7. Februar 2022 4 Von claudia und jürgen

Schwerwetterausrüstung? Genügt es nicht, eine Sturmfock und ein Trysegel dabei zu haben. Ist weitere Ausrüstung wirklich nötig?

Als Antwort zu dieser Frage können wir uns eigentlich nur wiederholen: 

Eine kleine, erfahrene Crew kann eine Yacht nur solange sicher bewegen, solange sie die richtige Ausrüstung an Bord hat!

Beim Fahrtensegeln darf die Ausrüstung niemals die Begrenzung der Möglichkeiten und Taktiken darstellen. 

Denn eine reguläre Blauwasseryacht hat in der Regel mindestens einen Nachteil, der ihre Möglichkeiten früher oder später begrenzt: Sie wird nicht von mental und körperlich trainierten Spitzensportlern geführt. 

Sondern sie fährt mit kleiner Blauwassercrew. Kleinen Familiencrews, die möglicherweise noch nie in scheren Wetter unterwegs waren. Rentnerpärchen, die für ein paar Jahre die warmen Gebiete dieser Welt genießen wollen. Oder bunt zusammengewürfelte Individualisten, die sich alleine, mit Freunden oder mit Gästen in neue Abenteuer stürzen wollen.

Kurzum, Fahrtenyachten werden von Crews gefahren, deren Belastungsgrenzen früher oder später von einem massiven Sturm überfordert werden können. Auch wenn diese Crewmitglieder noch so viele Ausbildungen absolviert haben und noch so viele Seemeilen Erfahrung gesammelt haben.

Und gerade dann wird es für Yacht und Crew wirklich gefährlich: 

Die meisten Blauwasseryachten kommen in Sturm in Bedrängnis, wenn sie vor Top und Takel treiben.

Dann, wenn sie keine Möglichkeit mehr sehen oder haben, aktiv im Sturm zu arbeiten und keine Ausrüstung haben, um in dieser Situation die Yacht in der Sturmsee vorm Kentern zu schützen.

Was also tun, wenn der Sturm weiter zunimmt? Was tun, wenn das Boot immer öfter ausbricht und immer schwerer in der aufbrausenden Sturmsee arbeitet? Wenn deine (ablaufende) Yacht laufend droht, die Wellenberge hinunter zu surfen und dabei gefährlichen Querschlagen bedrohlich nahe kommt? 

Was tun, wenn du und deine Crew am Rande der Erschöpfung seid? Wenn keiner an Bord mehr zuverlässig steuern kann? Was tun, wenn Angst, Lethargie, Seekrankheit, Erschöpfung und Überbelastung klare Entscheidungen unmöglich machen?

Die richtige Ausrüstung an Bord und das Wissen, wie du diese Ausrüstung auch einsetzt, wird dich davor bewahren, überhaupt in diese gefährliche Situation zu kommen!

Und damit kommen wir zur Sturmausrüstung:

Passagemaker

Das Bild stammt aus einem interessanten Bericht (in Englisch) von „Passagemaker“. Und auch wenn es sich dabei nicht um Segelyachten dreht, gilt das Geschriebene auch für Blauwassersegler. https://www.passagemaker.com/technical/the-need-for-less-speed-storm-drogues-and-sea-anchors

Der Treibanker und der Seeanker

Deutschsprachigen Seglern geben diesem Thema unverständlicherweise immer noch sehr wenig Aufmerksamkeit und so werden viele Treib- und Seeanker immer noch „über einen Kamm geschohrt“. Doch sind viele Treibanker weder in ihrem Einsatzbereich noch in ihrer Wirkung vergleichbar. Ungeachtet dem massiven Unterschied, dass der Treibanker über das Heck ausgebracht wird und gänzlich anders arbeitet als der über den Bug ausgebrachte Seeanker.

Zum Glück wird das Thema Treib- und Seeanker nicht in jeder segelnden Nation so mangelhaft behandelt wie bei uns. Vor allem unter englischsprachigen Seglern gibt es eine Sammlung an Erfahrungsberichten, Forschungen und unzählige Entwicklungen. 

Diese Forschungen und Entwicklungen kommen nicht nur von Fahrtenseglern, sondern auch von der Berufsfischerei, von Marineinstituten, der amerikanischen Küstenwache und von Extremseglern.

In Anlehnung an den englischsprachigen Wissenstand werden wir daher in diesem Bericht nicht von „dem See- und Treibanker“ berichten, sondern tiefer in die Materie eintauchen und das Ganze etwas aufschlüsseln. 

Treibanker – verschiedene Typen für verschiedene Einsätze

Allgemein ist ein Treibanker ein über das Heck ausgebrachter Schleppwiderstand. Er hilft der Yacht daher auf Raumschotkursen. Er soll das Heck beim Durchlaufen der Sturmsee in den Wind halten und dafür sorgen, dass die Yacht nicht vor der Welle abrutscht oder unkontrolliert surft. 

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Es gibt verschiedene Bauarten an Treibanker, die verschiedene Wirkungsgrade aufweisen. Oder besser gesagt: unterschiedliche Treibanker haben unterschiedliche Bremswirkung. Und je nach Bremswirkung ist auch ihr Einsatz unterschiedlich.

Die Geschwindigkeitsbegrenzer: Treibanker (drogue) mit mittlerer Bremswirkung

Dabei handelt es sich um Treibanker, die nur solange in Einsatz kommen, solange die Yacht auf Raumschotkursen aktiv gesegelt wird.

Ein Treibanker mit mittlerer Bremswirkung kommt in Einsatz solange die Yacht noch aktiv gesegelt wird.

Segelst du die Yacht aktiv vor der Sturmsee, läufst du stets Gefahr, dass deine Yacht vor der anrollenden Welle abrutscht oder surft. Und dann bist du der Katastrophe nicht mehr fern, denn in dieser Situation kann die Yacht querschlagen und kentern. Oder, im Fall von extremer Beschleunigung, kann die Yacht sogar über Kopf gehen – also ihrer Länge nach kentern.

Nur ein Schleppwiderstand kann diese Gefahr verhindern. Der geschleppte Widerstand muss dann groß genug sein, um die Yacht daran zu hindern, vor der Welle zu beschleunigen. Andererseits soll die Yacht noch schnell genug bleiben, um gut am Ruder zu liegen, sodass sie noch aktiv gesegelt werden kann. 

Das heißt, Treibanker mit mittlerer Bremswirkung müssen die Yacht auf ungefähr ihre durchschnittliche Fahrtgeschwindigkeit begrenzen können. Sie dienen als „Geschwindigkeitsbegrenzer“ und nicht als „Bremse“. Sie werden im englischsprachigen Raum treffend als „speed limiting drogue“ bezeichnet.

Beispiele für Treibanker mit mittlerer Bremskraft sind:

  • Nachgeschleppte Leinenbuchten
  • Nachgeschleppte Gegenstände (Anker, Kettenstücke, Autoreifen,…)
  • Lenzsäcke
  • Gailrider Treibanker
  • Sea Claw Treibanker
  • Delta Treibanker
  • Seabrake Treibanker

Treibanker können viele Formen haben, ein Beispiel: https://www.paraseaanchor.com/para-sea-anchor/high-strength-para-sea-anchors/seaclaw/

Ist es nötig, einen Treibanker mit mittlerer Bremskraft an Bord zu haben, oder genügt es, Leinenbuchten oder Gegenstände nachzuschleppen?

Theoretisch sollten auch nachgeschleppte Leinenbuchten der Yacht helfen, nicht über ihre durchschnittliche Marschfahrt zu gelangen. In der Praxis zeigt sich allerdings schnell das Problem, dass nachgeschleppte Leinen durchaus selbst über die Wellen „rutschen“ können und in dieser Situation kaum noch Bremswirkung zeigen. Werden Leinenbuchten von den Wellen beschleunigt, können sie im Ausnahmefall sogar mit der Yacht unklar kommen. 

Auch das Nachschleppen von Gegenstände wird in der Theorie manchmal behandelt. Manche Yachten führen deshalb zum Beispiel einen Autoreifen mit, der in der Notsituation als Schleppwiderstand eingesetzt werden kann. Studien der amerikanischen Küstenwache haben allerdings gezeigt, dass Treibanker aus Reifen, Kettenstücken und anderen Gegenständen kaum Wirkung zeigen. Wie Leinenbuchten neigen Reifen dazu, auf den Wellen zu rutschen. Um Bremswirkung durch Kettenstücke zu erzielen, müssen laut US Küstenwache extrem lange Ketten eingesetzt werden. 

Leinenbuchten und nachgeschleppte Gegenstände sind daher unserer Meinung nach nur in einer Notsituation brauchbar. In einer Notsituation, wenn der richtige Treibanker verloren gegangen ist oder man sich auf einer schlecht ausgerüsteten Yacht in Sturm findet.

Dann stellt sich doch eher die Frage, weshalb du lieber einen alten Autoreifen an Bord mitnehmen willst, als dass du dir einen ordentlichen Treibanker mit mittlerer Bremskraft für die Ausnahmesituation Sturm zurechtlegst? Selbst die Kosten von einem ordentlichen Treibanker sind kaum ein Grund, darauf zu verzichten. Denn mit etwas Recherche und Arbeit lässt sich ein geeigneter Treibanker durchaus auch mit einfachen Mitteln selber bauen.

Unser selbst gebauter Treibanker mit mittlerer Bremswirkung: Gebaut nach dem Vorbild eines Gailriders

Aber was tun, wenn du im Sturm die Yacht nicht mehr aktiv segeln kannst?

Wird die Sturmsee zu extrem, oder die Crew zu erschöpft, um vor einem Treibanker noch aktiv vor dem Wind zu segeln, versuchen viele Yachtcrews, die Yacht ohne Segel vor dem Wind treiben zu lassen. 

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Dieses Treiben vor Top und Takel wird leider immer wieder als eine gängige Sturmtaktik beschrieben. Ich schreibe leider, denn das Lenzen vor Top und Takel ist keine Sturmtaktik, sondern das Rezept zur sicheren Kenterung im Sturm. 

Dennoch gibt es Möglichkeiten, die Yacht relativ sicher durch den Sturm zu bringen, ohne aktiv zu segeln. Das heißt, solange die Yacht die passende Ausrüstung mitführt und die einwirkenden Kräfte standhalten kann.

In unseren nächsten Bericht gehts deshalb um Treibanker mit hoher Bremskraft und dabei vor allem um  den Jorden Reihentreibanker. Und wir werden euch jene Ausrüstung vorstellen, die ein komplettes Stoppen der Yacht in der Sturmsee ermöglichen kann: den Fallschirm-Seeanker.

 

Hier gehts weiter:

Sturmsegeln Spezial – Teil 15: Treibanker mit hoher Bremskraft – Reihentreibanker

Was aber, wenn du nicht mehr aktiv segeln möchtest oder kannst. Was, wenn weder deine Selbsteueranlage, noch du und deine Crew den Job am Ruder mehr schafft. Was, wenn es dir zu gefährlich wird, dauernd im Cockpit am Ruder zu sein. Oder wenn euch schlicht und weg die Angst davon abhält, noch aktiv segeln zu können? Dann hilft der Jordan Reihen-Treibanker

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