Schwerwetter und Sturm – Teil 9: Positionierung

Schwerwetter und Sturm – Teil 9: Positionierung

14. September 2021 0 Von claudia und jürgen

Die beste „Sturmtaktik“ ist, dem Sturm auszuweichen.

Leider funktioniert das nicht immer. Viele Sturmsysteme sind zu groß, um ihnen komplett ausweichen zu können. 

Doch hat jedes Sturmsystem schwerere und leichtere Bereichen und die eigene Position innerhalb des Sturmtiefs kann den Unterschied zwischen einem rauen Segeltag und einem Überlebenskampf auf See machen.

Ausschlaggebend ist deshalb, dass du anziehende Systeme einschätzen kannst. 

 

Großflächige Wetterinformationen und maximale Revierinformationen sind unentbehrlich.

Desto mehr Information dir dazu zur Verfügung steht, desto genauer wirst du die Situation einschätzen können:

  • Welche Zugrichtung des Sturmsystems wird erwartet?
  • Wie haben sich Stürme in diesem Seegebiet in der Vergangenheit verhalten?
  • Wird das Sturmsystem auf Gebiete treffen, die eine Verstärkung des Sturms produzieren können (zum Beispiel hohe Küsten)?
  • Wird der Sturm auf ein Gebiet treffen, in welchem sich der Seegang verstärken könnte (Strömungen, Kontinentalplatte, Untiefen,…)?
  • Welche Wettersysteme stehen rund um den anwachsenden Sturm, können sie das Wetter weiter verschlechtern?

Ist die voraussichtliche Zugrichtung des Sturmsystems bestimmt, muss der eigene Kurs so gelegt werden, dass die Yacht dem schwersten Bereich des Sturmes ausweicht und sich gleichzeitig von Gefahren freihält.

Das heißt, die Yacht soll während der voraussichtlichen Sturmfahrt nicht über Untiefen, durch Strömungsgebiete oder zu einer gefährlichen Küste navigiert werden. Steuere von Hochsee kommend keine Kontinentalplatte bei aufziehenden Sturm an.

Das folgende Video zeigt den Golfstrom als Beispiel. Sein warmes und strömungsreiches Wasser lässt die See während eines Sturms extrem aufstellen. Wir haben selbst in seinem Wirkungsbereich 11 Meter hohe See erlebt:

 

Die Yacht muss bereits vor dem Sturm soweit als möglich Abstand zu potentiellen Gefahrenstellen bekommen.

Oft bedeutet das, den Kurs zu ändern und die Yacht so hart und schnell als möglich in einen sichereren Bereich zu segeln. Dazu kannst du auch den Motor zu Hilfe nehmen. Vorausgesetzt, genügend Diesel bleibt für den Einsatz des Motors im Schwerwetter selbst. 

Wir sind Stürme, oder dem gefährlichen Bereich eines anziehenden Sturmes, auch schon sehr einfach ausgewichen, indem wir die Yacht gestoppt und in einem „sicheren“ Gebiet gewartet haben. 

Beidrehen ist die bequemste Möglichkeit, die Yacht zu stoppen, um Schlechtwetter voraus durchziehen zu lassen.

Eine Küste bedeutet nicht immer Schutz.

Beizudrehen und in einem voraussichtlich sicheren Bereich abzuwarten kann vor allem im weiten Abstand zu einer Küste sinnvoll sein, damit die Yacht später bei Schwerwetter nicht an einer Küste in Bedrängnis kommt. 

Besteht die Möglichkeit, noch vor dem Anziehen des Sturmtiefs eine Küste zu erreichen, muss abgeschätzt werden, ob ein geeigneter Hafen rechtzeitig erreicht werden kann. Bestehen Zweifel, den Hafen frühzeitig zu erreichen, oder bei den zu erwartenden Bedingungen überhaupt einen Hafen anlaufen zu können, muss so viel Abstand zur Küste als möglich erreicht werden.

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Vor allem Küsten mit schwierigen Hafeneinfahrten müssen so weit als möglich umfahren werden. Typisch für gefährliche Einfahrten sind zum Beispiel Küsten, deren Häfen in Flussmündungen liegen. Durch die Sedimente des Flusses können weitflächige Untiefen vor der Einfahrt und gegen das Meer stehende Flussströmungen zu extremen Seegang führen. 

Beispiele für derartige Gebiete sind Häfen entlang der Westküste Neuseelands und Australien, diverse deutschen Häfen entlang der Nordsee, Thyboron in Dänemark oder die Hafeneinfahrt entlang der Küste Oregons, USA. Derartige Häfen sind bereits bei steifem Wind für Yachten nicht mehr risikolos erreichbar. Bei Sturm kann sich derart schwere See in diesen Hafeneinfahrten aufbauen, dass sie mit einer Segelyacht nicht mehr angelaufen werden können.

Dieses Video eines Segelkatamarans in Australien sollte genug Abschreckung für jeden Skipper sein, derartige Einfahrten selbst nicht bei erhöhtem Seegang zu versuchen. Auch wenn die Yacht im Video mit viel Glück die Einfahrt in den Hafen geschafft hat:

Vor allem in Gezeitenrevieren muss auch vor Fjorden und in Wasserstraßen mit verstärkten Bedingungen bei anziehendem Sturm gerechnet werden. Massive Strömungen sorgen dort bereits bei normalen Wetterbedingengen für verstärkten Seegang. Berüchtigte Beispiele sind Kanal Chacao in Patagonien, Dixon Entrance an Kanadas Nordwestgrenze, die Schelichow-Straße in Alaska, die Bass Straße im Süden Australiens und die Foveaux Straße im Süden von Neuseeland. Oder, etwas näher zuhause, der Pentland Firth in Schottland. 

 

Keine Kompromisse bei der Segelausstattung!

Nicht nur genügend Wetter- und Revierinformationen sind nun entscheidend. Um die Yacht rechtzeitig aus den gefährlichsten Bereichen zu bringen, ist es vor allem wichtig, kompromisslose und hochwertige Segelausrüstung an Bord zu haben.

Wir können es nicht oft genug sagen: Ein hochwertiges und überprüftes Rigg, passend geschnittene und verstärkte Starkwindsegel und ein kompromissloser Dieselantrieb sind Grundausstattung jeder vernünftigen Blauwasseryacht.

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Oder, anders formuliert: Bauchige Segel und schlecht geschnittene Rollsegel, die das Aufkreuzen gegen Starkwind vereiteln, gehören genauso wenig an Bord wie ein schlecht gewarteter Motor. Oder wie unzureichende Dieselfilteranlagen. Wir warnen auch vor Schiffsschrauben, die es nicht schaffen, die Leistung des Motors in genügend Vortrieb umzuwandeln.

Auch unter gerefften Segel muss die Yacht noch gut Fahrt machen können.

Und um genauer auf die nötige Technik für Schwerwetter und Sturm einzugehen, dreht sich unser nächster Teil der Serie um die passende Ausrüstung fürs Sturmsegeln. Sei wieder dabei wenn es nächste Woche heißt: Segeln in Schwerwetter und Sturm!

 

Hier findest du unsere bisherigen Berichte zur Serie:

Schwerwetter und Sturm Teil 8 – GRIB-Daten

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